| . |
Ehrwürdigster Grossmeister der
Grossloge von Kolumbien,
Liebe Brüder des Obersten Rates,
hohe Würdenträger des Ordens,
Liebe Brüder alle!
Zurückschauend auf meine Jugendzeit,
auf den Beginn meines aktiven Lebens, erinnere ich mich, dass es mir nicht
leicht fiel, das Recht auf Mitgliedschaft der Grossloge von Chile zu erlangen,
denn ich war damals ein rebellierender Student, und
als ich dann an die Pforte der ehrwürdigen Loge "Progressio No. 4"
in Valparaiso klopfte, geschah dies aus tiefer innerer Überzeugung.
In meinem und meines Vaters Heim herrschten
fortan die Prinzipien freimaurerischen Erbgutes. Zu meiner Zeit war mein
Ahne, der Br\ Ramon
Allande Palilla Huelvo Grossmeister der Grossloge von Chile und Gründer
der Loge, deren Tore sich für mich im Orient von Valparaiso öffneten.
Es war die zweite Loge des Landes.
Ich lebte in der festen Überzeugung,
dass die Freimaurerei weder Sekte noch Partei sei, dass, wenn der Maurer
den rauen Stein glätte, diesen dazu vorbereite, im profanen Leben
aktiv zu werden, dass es ferner Pflicht der Freimaurer sei, sich im profanen
Leben im Sinne der ewig bleibenden freimaurerischen Prinzipien zu betätigen.
Ich erinnere mich noch genau an die Nacht meiner Aufnahme, als
ich zum ersten Male die Worte aus dem Aufnahmeritual vernahm, dass Menschen
ohne Grundsätze und ohne fortschrittliche Ideen Schiffen mit gebrochenem
Steuer vergleichbar seien, die leicht an gefährlichen Klippen zerschellen.
Ich vernahm auch, dass es in unserem
Orden weder soziale noch gesellschaftliche Hierarchie gäbe. Damit
verstärkte sich von Anfang an meine Überzeugung, dass die Prinzipien
des Ordens, projiziert auf das Profane, einen Beitrag leisten könnte
zum drängenden Erneuerungsprozess, der die Völker in aller Welt
und insbesondere die Völker dieses Kontinents bewegt und deren politische
und ökonomische Abhängigkeit die schmerzliche Tragödie dieser
Länder auf dem Wege der Entwicklung noch verstärkt. Auf Grund
dieser Überzeugung und im Glauben daran, dass Toleranz eine der edelsten
und vornehmsten Tugend sei, warf ich im Ablauf meines freimaurerischen
Lebens, das sich über 33 Jahre erstreckt, in verschiedenen Logen in
meinen Zeichnungen die Frage auf, ob es zwischen mir und meinen Brüdern
im Tempel Koexistenz gäbe, nachdem es für viele schwer vorstellbar
war, dass dies mit einem Manne möglich sei, der sich im profanen Leben
öffentlich als überzeugter Marxist bekannte.
Diese Tatsache - innerhalb der Loge
geklärt - blieb manchmal innerhalb meiner eigenen politischen Partei
unverstanden. Mehr als einmal, während der Kongresse der Partei, die
von keinem Geringeren als dem Ehrw. Ex-Grossmeister der Grossloge von Chile
gegründet wurde, ist das Problem "Freimaurerei & Sozialismus"
aufgerollt worden. Trotz der strikten Intoleranz innerhalb der politischen
Parteien hielt ich an meinem Rechte fest, zugleich Freimaurer und Sozialist
zu sein.
Ich erklärte in diesen Kongressen
öffentlich, dass, wenn dieses Problem der Unverträglichkeit "Freimaurer
& Sozialist" aufrecht erhalten bleibe, ich als aktiver Kämpfer
die Sozialistische Partei verlassen würde, obschon ich niemals der
Ideologie des Sozialismus dem Sinn und Geiste nach untreu würde. Ebenso
würde ich im Falle, was ich mir nicht vorzustellen vermag, dass der
Orden meine Ideologie und meine marxistische Doktrin mit der Freimaurerei
als unverträglich erklärte, den Tempel verlassen mit der Überzeugung,
dass in diesen Kreisen die Tugend der Toleranz nicht praktiziert wird.
Ich habe mich mit der Wirklichkeit
auseinander gesetzt und glaube, dass ich Ihnen, meine lieben Brüder
der Grossloge von Kolumbien, ein ehrliches Leben, getreu den Prinzipien
des Ordens, innerhalb des Ordens und draussen in der profanen Welt vorweisen
kann.
Während vieler Jahre - als Student,
der mit Gefängnis, mit zeitweiligem Ausschluss aus der Universität
und Verbannung Bekanntschaft machte - bis zum heutigen Tage war ich konsequent
in meinen Überzeugungen. Ich schlug Schlachten in einer politisch
unruhigen Welt, aber in einem Lande von hohem politischem Niveau, öfters
ohne jegliche Möglichkeit und Chance, jemals auf den Sessel des Präsidenten
von Chile zu gelangen.
Es reizte mich, eine Furche zu ziehen,
eine Saat zu streuen, diese zu bewässern mit dem Beispiel eines angestrengten
Lebens, dass eines Tages die Saat aufgehe - nicht für mich, sondern
für das Volk, für das Volk meines Vaterlandes, das eine veränderte
Existenz benötigt.
Chile, das ohne Zweifel politisch -
wie ich vorhin gesagt habe - einen höheren Stand als andere Staaten
dieses Kontinents erreicht hat, Chile ist das Land, in dem die bürgerliche
Demokratie die Entfaltung jedweder Ideen erlaubte. Und ich wiederhole und
es ist so: Dieses hohe politische Niveau wurde erreicht durch Kampf und
Willen des Volkes zu dem Zwecke, den Menschenrechten, den in heroischen
Schlachten erstrittenen Eroberungen von Anrecht und Würde und Brot,
Recht zu verschaffen.
Ohne Zweifel ist Chile auf politischer
Ebene ein unabhängiges Land, aber auf wirtschaftlichem Gebiet ist
es dies nicht. Wir erachten es als wesentlich, wirtschaftliche Unabhängigkeit
zu erreichen, damit unser Land auch politisch glaubwürdig unabhängig
sei; wir glauben, dass es wesentlich sei, zu erreichen, dass der Mensch
unseres Landes die Lebensangst verliere, dass er breche mit der Unterwürfigkeit,
dass er Anrecht habe auf Arbeit, auf Erziehung, auf Wohnung, auf Gesundheit
und Erholung.
Wir möchten, dass der chilenische
Mensch den Inhalt der bedeutungsvollen Worte, die die Dreiheit des freimaurerischen
Fundaments bilden, den Inhalt aus Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit
ausstrahle.
Wir behaupten, dass es keine Gleichheit
geben kann, wenn einige wenige alles und viele nichts haben. Wir glauben,
dass es keine Brüderlichkeit geben kann, wenn die Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen eine Regierung oder ein System charakterisiert. Die
abstrakte Freiheit muss einer konkreten Freiheit, d.h. die theoretische
Freiheit muss einer tatsächlichen Freiheit weichen. Für diese
haben wir gekämpft, für diese kämpfen wir und wir wissen,
dass wir vor harten Aufgaben stehen.
Wir wissen, dass jedes Land seine eigene
Wirklichkeit, seine Eigenart, seine eigene Geschichte, seine scharf ausgeprägte
Eigentümlichkeit hat, die ihm seinen besonderen Stempel aufdrückt.
Dies gilt besonders für die Länder dieses Kontinents.
Wir wissen auch und bezeugen dies gewissendlich,
dass diese Nationen dadurch entstanden, dass Männer aus verschiedenen
Ländern, unter verschiedener Flagge, mit vereinter Kraft und mit dem
gemeinsamen Ziele, ein freies und geeintes Amerika zu bilden, mit den fremden
Bindungen brachen.
Die Geschichte lehrt uns, dass einige
wenige irreguläre Logen wie "Las Lauterianas" Same und Saat der Freiheitskämpfe
waren. Und hier in der Grossloge von Kolumbien - ich erwähne dies
mit tiefer Befriedigung - schrieb Bolivar in Suere an O’ Higgins, als er
von dessen Niederlagen erfuhr. Seine Worte - ein Aufruf zu erneutem zähen
Kampf - fanden Echo beim Vater unseres Vaterlandes.
Er erkannte die Schwierigkeiten, sich
von den Niederlagen zu erholen, und suchte vereint mit San Martin nach
Möglichkeiten einer entscheidenden Schlacht auf argentinischem Boden
- zur Befreiung Chiles. O’ Higgins hatte im südlichen Teil dieselben
Sorgen wie Bolivar für den Rest des Kontinents. So verabschiedete
O’ Higgins von der Reede von Valparaiso die Schiffe der Befreiungs-Expedition
Perus mit den Worten: "Diese vier Kähne entscheiden das Schicksal
Amerikas". Es waren Soldaten Chiles und Argentiniens, die zur Befreiung
Perus entscheidend beitrugen. So, in Bescheidenheit, gemessen an der bestehenden
Wirklichkeit, mit der Erkenntnis, dass in der zeitgenössischen Welt
die Völker - mehr als der einzelne Mensch - die Hauptfaktoren der
Geschichte sind, suchte ich nach Möglichkeiten, dem Volk, dem Volk
Chiles, seine eigene Stärke bewusst zu machen und zu erkennen, seinen
eigenen Weg zu finden.
Es war dies nur ein bescheidener personeller
Beitrag. Es waren die chilenischen Volksmassen, in ihrer Mehrheit nationale,
bestehend aus Landbewohnern und Arbeitern, Studenten, Angestellten, Technikern,
Professionellen, Intellektuellen und Künstlern, es waren Gläubige
und Ungläubige, Freimaurer und Christen, Lehrer der weltlichen Schulen,
es waren Anhänger Jahrhunderte alter politischer Richtungen, wie z.B.
Radikale, es waren solche ohne politische Einstellung; alle diese Massen,
bestrebt und von derselben Meinung beseelt, sich vermöge ihres kämpferischen
Willens dem Reformismus der Christlich-Demokraten einerseits und der Kandidatur
des Herrn Jorge Alessandri, dem traditionellen Vertreter des Kapitalismus,
andererseits zu widersetzen.
Chile lebte also während langer
Zeit nicht etwa gehalt- und nutzlos mit ausgesprochen kapitalistischen
Regierungen. Ich sage: nicht gehalt- und nutzlos, denn ich behaupte ja,
dass unser Land eines derjenigen sei, in dem die bürgerliche Demokratie
als solche funktionierte.
Die chilenischen Institutionen haben
eine mehr als hundertjährige Geschichte. In diesem Jahre besteht unser
Kongress, unsere Nationalversammlung - an der ich seit 27 Jahren, zwei
Jahre als Abgeordneter und 25 Jahre als Senator teilnehme - 150 Jahre voll
ununterbrochener Arbeit. Ich sage: ununterbrochene Arbeit, denn wir verleugnen
nicht, was früher gemacht wurde, aber wir glauben, dass der Weg von
gestern nicht der Weg von morgen sein kann. Darum folgen dem alten kapitalistischen
System im politischen Prozess, irreführend angefacht, grosse Hoffnungen
auf eine Revolution in Freiheit, die den Reformismus, Reformbestrebungen
der Christlich-Demokraten charakterisieren. Ich bestreite nicht, dass ihre
Regierung, der jetzt die Regierung des Volkes folgte, keine Fortschritte
auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiet machte, aber immer
bestehen noch die grossen Existenzlücken, die für unser Volk
charakteristisch sind: Wohnung, Arbeit, Gesundheit, Bildung.
In einem Lande - das gilt besonders
für die Länder dieses Kontinents, in dem ein umfassender Teil
der menschlichen Gesellschaft vernachlässigt und verkannt wird, seien
es die Nachkommen von Atahualpa oder die Söhne von Lautaro in meinem
Vaterland, sei es der heroische Aurauco, der Mapuche, der Indio, der Mestize
- ist es auf dem Weg der Entwicklung noch nie gelungen, das Problem dieses
alarmierenden Wohlstandes - Wohnung, Arbeit, Gesundheit und Bildung - zu
lösen. Obschon alle diese Menschen der Ursprung unserer Rasse sind,
wurden sie übersehen, zurückgesetzt und in unseren Ländern
ignoriert. Darum galt unser Kampf und unser Bestreben nicht der Herbeiführung
einer politischen Änderung, nicht der Übertragung der Regierung
von einem an einen anderen, sondern es war der Kampf für die Übergabe
des Regimes an das Volk, das eine tiefgreifende Umwandlung auf wirtschaftlichem,
politischem und sozialem Gebiet fordert.
Mit dem gesetzlichen Anspruch der Selbstbestimmung,
dem Sozialismus den Weg geöffnet zu haben, hat Chile seine eigene
Geschichte, so wie sie andere Länder mit ihren besonderen Verhältnissen
haben.
Wir durchlebten im Jahre 1938 einen
Zeitraum politischen Geschehens, verschieden von denjenigen der übrigen
Staaten dieses Kontinents. Chile war neben Frankreich und Spanien das dritte
Volksfront-Land der damaligen Welt. Ein Freimaurer, Radikaler und Staatsmann,
Pedro Aguirre Zerda, erlangte die Macht aufgrund von Vereinbarungen zwischen
der mehr als hundertjährigen Partei der Radikalen und den marxistischen
Parteien, den Kommunisten, Sozialisten und Demokraten.
Aber in meinem - wie auch in anderen
Ländern - kämpfte man gegen die Möglichkeit eines Sieges
der Volksfront. Die Sturmglocken des Terrors und der Panik ertönten.
Man sprach von dummen Machenschaften der Kommunisten und Sozialisten, die
die Radikalen zur Anerkennung der Diktatur der Volksfront veranlassten.
Doch Aguirre Zerda verstärkte seinen Einfluss in redlichem Bestreben
und in engem Kontakt mit dem Volke. Aber an einem unheilvollen Tage brachen
Offiziere des Heeres mit ihrer übernommenen Verpflichtungen zum Schutze
der Regierung. Sie erhoben sich unter dem nichtigen Vorwand, dass auf dem
Regierungsgebäude die rote Fahne wehe und dass sich dort ein Anhänger
derselben festgesetzt habe. Es war dann das Volk, das sich erhob und die
Kasernen umzingelte, es war das Volk ohne Waffen, das die Verräter
zwang, sich zu ergeben, und es waren die Soldaten, die von ihren Waffen
keinen Gebrauch machten gegen die Massen, entschlossen, einen Freimaurer,
Lehrer und Staatsmann zu schützen.
Darum, schon am Anfang der Entwicklung
in der chilenischen Politik, gibt es Vorgänge, die keine Parallelen
haben, und deshalb ist es vielen schwer zu verstehen, was heute in meinem
Vaterland vorgeht. Deshalb ist es auch nichts Besonderes, dass man heute
die Anwesenheit eines Freimaurers oder eines Sozialisten in der chilenischen
Regierung fürchtet.
Die Wahrheit ist, dass sich niemand
in meinem Vaterland mehr täuschen lässt. Während mehr als
einem Jahr haben wir unser Programm der Volks-Einheit bekannt gemacht,
wir, bestehend aus Weltlichen, Marxisten und Christen, aus Schriftstellern,
aus Leuten des Pfluges und der Industrie.
Jeder, der wollte, hat verstanden,
warum und für was wir kämpfen. Immer betonte ich, dass es schwer
sei, die Wahlen zu gewinnen, dass es schwerer sei, die Regierung zu übernehmen,
und dass es noch schwerer sei, den Plan des Sozialismus zu verwirklichen.
Immer sagte ich, dass dies weder ein
einzelner Mann noch eine Gruppe, noch eine Partei, sondern nur ein organisiertes,
diszipliniertes, gewissenhaftes Volk, seiner grossen historischen Mission
bewusst, erreichen könne. Die Wirklichkeit hat meine Voraussage bestätigt.
Wir waren so streitbar wie im Jahre
1938. Und ich, der mehrere Male Präsidentschaftskandidat war, habe
genug Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, bis zu welchen Mitteln man greift,
um den Fortschritt des Volkes zu verhindern. Schreckliche Gerüchteverbreitete
man im Wahlkampf 1954. Religiöse Verfolgung, die Auflösung des
chilenischen Heeres, Unterdrückung des Cuerpo de Carabineros prophezeite
man, einfache Argumente, aber genügend in ihrer böswilligen Absicht,
uns die benötigten Stimmen zu entreissen.
Ich bin der Meinung - und ich sage
dies unverblümt -, dass in Ländern - wo es in Wirklichkeit keine
Volksvertretung, keine Parteien und keine organisierten Gewerkschaften
und nur verfälschte Wahlen gibt - nur der bewaffnete Aufstand und
das Volk in Waffen mit nachfolgend echten Wahlen
eine Änderung des politischen Zustandes herbeiführen können.
Wir haben den gesetzlichen Weg innerhalb
der bürgerlichen Demokratie beschritten, mit dem Versprechen, ihre
Gesetze zu respektieren, sie aber gleichzeitig nach einem Wahlsieg zu ändern,
mit dem Ziele, dem chilenischen Menschen eine bessere Existenz zu sichern,
damit Chile ein wahres Vaterland für alle Chilenen werde. Wir wollen
die chilenische Revolution nicht exportieren, denn sie ist für chilenische
Verhältnisse zugeschnitten.
Unser Kampf ist schwer und hart, denn
ohne Zweifel, um den Lebensstandard unseres Volkes zu heben, haben wir
große revolutionäre Umstrukturierungen zu vollziehen, die andere
Interessen verletzen, fremde Interessen, das ausländische Kapital,
imperialistische Interessen, auch nationale, nämlich die der Monopole
und der Banken. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir der Rückständigkeit,
der Unwissenheit und dem moralischen und physiologischen Elend nicht Herr
werden, solange wir die Überschüsse unserer nationalen Ökonomie
nicht zum Aufbau von Schulen, Straßen und der Modernisierung unserer
Landwirtschaft verwenden.
Was uns rechtmäßig gehört,
muss zum Besten unseres Vaterlandes verwendet werden. Um unsere Lage zu
verstehen, weise ich auf das Kupfer, auf unseren unersättlichen Reichtum,
auf den Hauptpfeiler unserer Ökonomie hin. Er repräsentiert 82%
unseres Devisenhaushalts, es bleiben aber bloß 24 % für unseren
Staatshaushalt. Das Anfangskapital der nordamerikanischen Kupfergesellschaften
betrug von 50 Jahren 133 Millionen Dollar. Im Laufe dieser vergangenen
50 Jahre flossen 3.200 Millionen Dollar nach Nordamerika zur Stützung
der großen Industrie-Imperien. Wie können wir unter solchen
Umständen am Fortschritt teilhaben? Warum soll ein Volk mit den größten
Kupferreserven der Welt und den größten Kupferminen weder den
Kupferpreis noch die Produktion noch den Markt kontrollieren dürfen,
wenn schon die Schwankung von einem einzigen Cent pro Pfund Kupfer schon
einen Betrag von 12 Millionen Dollar Mehr- oder Mindereinnahmen pro Jahr
bedeuten kann. Warum soll dies, was ich den Lohn Chiles nenne, von Fremden
verwaltet werden. Ich erkläre, dass in dieser Angelegenheit die Rückgewinnung
und Nationalisierung unseres hauptsächlichen Reichtums keine Diskriminierung
eines fremden Volkes bedeutet. Wir respektieren die Vereinigten Staaten
als Nation, wir kennen ihre Geschichte und verstehen die Worte Lincolns,
als er sagte: "Dieses Volk ist halb frei, halb unterdrückt". Dieser
Satz passt genau auf unsere Völker: scheinbar frei und doch unterdrückt
in der modernen Wirklichkeit.
Darum haben wir gekämpft, und
darum werden wir bekämpft. Ich habe vom Kupfer gesprochen und könnte
dies auch vom Eisen, vom Stahl, von der Kohle, vom Salpeter und auch vom
Acker tun.
In einem Lande, das 20 Millionen Menschen
und mehr ernähren könnte, müssen jedes Jahr Fleisch, Weizen,
Fett, Butter und Öl für mehr als 180 von 200 Millionen Dollars
importiert werden. Sollte der Bevölkerungszuwachs von jährlich
2,9% anhalten, so müsste Chile im Jahre 2000 bei gleicher landwirtschaftlicher
Produktion für 1000 Millionen Dollars Lebensmittel importieren.
Der gesamte Außenhandel Chiles
beträgt heute 1200 Millionen Dollars, wobei 1030 Millionen auf den
Kupferexport entfallen.
Diese Verhältnisse rufen nach
einer tief greifenden Agrarreform, die nicht nur darin besteht, Eigentumsrechte
zu ändern, sondern auch darin, den Bildungsstand und die Moral des
Landarbeiters und der Landbevölkerung zu heben.
Wir haben uns die Worte von Tupac-Amaru
zu eigen gemacht, als er seinen Indios zurief: "Der Herr wird nicht mehr
von Deinem Hunger leben."
Wir wollen tatsächlich, dass der
Landarbeiter auch das Recht habe, von dem zu essen, was er auf dem Lande
produziert, und ich als Arzt, der 5 Jahre Präsident des Ärztekollegiums
von Chile war, und zugleich kämpfe-rischer sozialistischer Senator,
ich, der ich das Körperschaftsleben genau kenne und seinen Brüdern
mit Be-friedigung sagen kann, dass ihn seine Kollegen-Ärzte respektierten
und respektieren, ich als Chilene muss mit Schmerzen gestehen: 500.000
Kinder meines Vaterlandes, Ehrwürdigster Grossmeister, sind trotzdem,
wie ich sagte, bei politisch hohem Niveau meines Landes geistig unterentwickelt,
weil sie in den ersten 5 Monaten ihres Lebens, keine Proteine, keine Milch
erhielten.
Mit solchen Zuständen
kann man sich nicht einfach abfinden. Zur Beseitigung derselben ist es
notwendig, die Prinzipien der Menschlichkeit, die man mich als Freimaurer
gelehrt hat, zu verwirklichen. Darum habe ich gekämpft, und darum
bin ich - nicht persönlich sondern im Namen des Volkes als Präsident
meines Vaterlandes - mit dem Bestreben entschlossen, das Programm, das
dem Volke vorgelegt wurde, zu vollziehen.
Ich habe die Verpflichtungen vor meinen
eigenen Gewissen, und es ist die Verpflichtung eines Freimaurers gegenüber
dem Gewissen eines Freimaurers, und es ist die Verantwortung gegenüber
der Geschichte, und ich habe diese eine Verantwortung für mein Vaterland.
Das bedeutet Repressalien, Vergeltungsmaßnahmen. Interessen verletzen
ist hart, und dass man diese Interessen verteidigt, wissen wir und haben
es bereits erfahren.
Bis wann sollen die Länder dieses
Kontinents ertragen, dass sie unter fremder Kontrolle stehen? Seit 20 Jahren
spricht man vom Internationalen Währungsfond, von der Umwandlung des
Geldes in Gold, und von heute auf morgen, wenn es den stärksten Staaten
genehm ist, ändert man die Spielregeln und schädigt die Ökonomien
der Schwächeren.
Während 15 oder 20 Jahren erfuhren
wir, dass die chinesische Volksrepublik, ein Land mit 900 Millionen Einwohnern,
nicht in die Vereinten Nationen aufgenommen werden konnte. Aber dann, als
es einem Staate aus internen Gründen vor den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen
zweckmäßig erschien, unterstützte man die Aufnahme, trotz
verschiedener Ideologien, und der Präsident der Vereinigten Staaten
unternahm die Reise nach China zur Unterredung mit Mao Tse Tung. Wir aber
durften dies vorher nicht.
Wann erkennen wir endlich,
dass wir das Recht und die Pflicht haben, unseren eigenen Weg zu beschreiten,
die freiheitlichen Bestrebungen der Gründer unserer Länder zu
verwirklichen, denn dies ist die Aufgabe, die wir von ihnen erhielten.
Wenn dies ein Revolutionär zu sein bedeutet, dann bin ich es, und
wenn dies ein Freimaurer zu sein bedeutet, dann bin ich es ja auch.
Als Freimaurer sage ich Euch, meine
lieben Brüder der Grossloge von Kolumbien: In meinem Lande gibt es
keine politischen Häftlinge, in meinem Lande respektiert man alle
Rechte. An diesem Abend hatte ich die Ehre, in Begleitung des chilenischen
Botschafters in Kolumbien, vor dieser Loge zu erscheinen, unserem lieben
Bruder Hernan Guierrez. Es begleitete uns auch der Generaldirektor der
Carabineros, General José Maria Sepulveda, der auch Bruder ist.
Beide wissen, dass meine Worte der Wahrheit entsprechen, und sollten noch
mehr Zeugen erscheinen, so verweise ich noch auf einen anwesenden Bruder,
es ist der Botschafter von Kolumbien in Chile, der nie vergass, Freimaurer
zu sein. Wir hatten nach meinem Wahlsieg die Freude, uns im Logenhaus als
Freimaurer zu begrüssen.
Dem künstlich erzeugten gespannten
Klima vor und während der Wahlen werden noch härtere gegnerische
Machenschaften folgen, mit denen wir fertig werden müssen. Aber so
wie Regierungen und Regierende, die glauben, die Interessen einiger Wenigen
- so gewaltig sie auch sein mögen - schützen zu müssen,
so verteidige ich das Recht, die Interessen des Volkes gegen die Interessen
einiger Wenigen zu wahren.
Wenn jemand glaubt, mit materieller
Gewalt in der heutigen Zeit den Willen eines Volkes brechen zu können,
so ist er im Irrtum. Wir müssen endlich einsehen, dass Länder
- um zu verhindern, dass ein Volk auf einem fremden Kontinent sein eigenes
Schicksal bestimme - 100.000 Millionen Dollar pro Jahr für einen Krieg
ausgeben, hingegen für Lateinamerika auf inständiges Bitten hin
aber nur bescheidene Tropfen aus ihrem kapitalistischen Euter bereithalten.
Während des vergangenen Jahrzehnts
überstiegen die Millionen für Amortisationen aus Gewinnen und
Zinsen die Eingänge an Kapitalien nach Lateinamerika.
Der arme Kontinent ist also heute praktisch
Exporteur von Kapitalien nachdem stärksten Vertreter des internationalen
Kapitalismus.
Darum unser Kampf und darum unsere
Streitgespräche, wie sie unter Brüdern zu führen sind. Es
ist ein Kampf, nicht nur in Chile, sondern ein Kampf in den Ländern
der ganzen Welt, denn wir leben in einer Übergangszeit, in der die
alten Systeme brüchig werden, und es ist unsere Pflicht, mit offenen
Augen zu wachen und zu erkennen, was morgen geschehen würde, wenn
wir nicht im Stande sind, die Richtung zu halten, die den großen
Massen erlaubt, den vorgezeichneten Weg ohne Gewalttätigkeit einzuhalten.
In meinem Lande habe ich folgendes
verbreitet und wiederhole es hier im Kreise meiner Brüder in Kolumbien:
Ich bin - bildlich gesprochen - nicht
der Stausee sondern das Flussbett, in dem das Volk mit Sicherheit den Weg
des Rechtes gehen kann. Die Lawinen der Geschichte lassen sich nicht aufhalten.
Hemmende veraltete Gesetze können den Hunger des Volkes nicht stillen.
Vorübergehend, vielleicht für die Dauer einer Generation, können
sie den eingeleiteten Prozess verzögern, aber früher oder später
werden die alten Dämme brechen; und die Massen überschwemmen
vielleicht - nach meiner Ansicht mit Recht - mit Gewalt das Veraltete,
denn der Hunger und die Leiden sind vielerorts Jahrtausende - und in unserem
Kontinent Jahrhunderte - alt.
Wenn alle Einrichtungen wie die Kirche,
um ihre Existenz zu wahren, sich verändern, wenn die vereinten Bischöfe
in Medellin eine Sprache sprechen, die vor 5 bis 10 Jahren als revolutionär
gegolten hätte, geschieht das wohl aus der Erkenntnis, dass das Wort
Christi befolgt werden muss, um die Institution der Kirche glaubwürdig
zu erhalten. Sie erkannten, dass ihr guter Name und Ruf durch die Interessen
einiger Weniger auf dem Spiele stand und dass niemand in Zukunft an die
Wahrheit der Verkündung des Meisters von Galiläa - eines Menschen
wie wir - glauben würde. So denke
ich, und so träume ich.
Ich erinnere mich an den Abend meiner
Aufnahme und an die Worte: dass Menschen ohne Grundsätze und ohne
fortschrittliche Ideen Schiffen mit gebrochenem Steuer vergleichbar seien,
die leicht an gefährlichen Klippen zerschellen.
Ich wünsche, dass die Brüder
in Kolumbien wissen, dass ich das Steuer meiner freimaurerischen Gesinnung
nie verlieren werde.
Eine Revolution ohne soziale Opfer
ist undenkbar, und es ist hart, mächtige internationale und nationale
Minderheits-Interessen zu zerschlagen.
Was ich mir zum Schlusse wünsche,
ist: nach Erfüllung meines Mandates so wieder meinen Tempel zu betreten,
wie ich heute, als Präsident von Chile, diesen Tempel betreten habe. |
. |