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Das Parlament
- Nr. 13 / 29.03.2005 - Beilage aus „Politik u. Zeitgeschichte“
Dieter Hildebrandt
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"Diesen Kuss der
ganzen Welt!"
Schillers Hymne einer humanen Globalisierung
von Dieter Hildebrandt
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Noch nie hat eine Komposition
eine so universale Karriere gemacht wie Beethovens neunte Sinfonie. Und
nie ist die Nachwelt von einer Musik derart in Bann gezogen worden wie
von dem Schlusschor "Freude, schöner Götterfunken", aus dem inzwischen
nicht nur die Europa-Hymne geworden
ist, sondern so etwas wie die Erkennungsmelodie
unseres gesamten Planeten. Noch nie ist ein Werk über so
lange Zeit und so global gefeiert worden.
Über die "Neunte" ist
fast immer so geschrieben worden, als sei sie allein die Schöpfung
Beethovens, als sei auch die "Freuden"-Hymne im Wesentlichen ihm zu verdanken.
Wenn je ein Autor um den Anteil am Geschick und Weltruhm eines Kunstwerks
geprellt worden ist, dann Friedrich Schiller im Beethoven-Schrifttum zweier
Jahrhunderte. Dabei ist es der Dichter, der die globale Karriere programmiert,
der sie mit seinen Worten vorweggenommen und sie in einer tollkühnen
Vision für möglich gehalten hat. Alles, was heute dem Werk als
Würdigung und Wirkung und Vernutzung widerfährt, vom "Weltkulturerbe"
bis zum "Song of Joy", ist nur das Echo auf die leidenschaftliche Zeile:
"Diesen Kuss der ganzen Welt!"
Heute hören wir das
Werk als den Wunschtraum von der einen Welt, als Hymne der Globalisierung:
"Alle
Menschen werden Brüder!" - Das ist zwar Utopie, aber doch
auch konkrete Forderung. Die eine, die ganze Welt, die Schiller da herbeigedichtet
hat, ist nicht ein Globus der Wirtschaftsbeziehungen, der Herrschaftsbereiche,
der politischen Strategien, sondern eine Erde der Brüderlichkeit,
ein Reich der Begeisterung.
"Freude, schöner Götterfunken"
- dieser Gedanke durchpulst das Gedicht wie Beethovens Chorfinale, er elektrisiert
die Sinfonie wie die Zuhörerschaft von Berlin bis Tokio, von Petersburg
bis nach New York. Wie in einer Kettenreaktion erzeugt der "Götterfunken"
selbst die stets neuen Energien, mit denen hier ein Kunstwerk aus sich
selbst heraus Aktualität, seelische Geistesgegenwart - und standing
ovations hervorruft. Dass die "Neunte" bis heute nicht ausgeschöpft,
erloschen, erledigt ist, verdankt sie nicht zuletzt der Feuertrunkenheit
ihrer Worte.
Mit solchem Einspruch im
Namen Schillers wäre als Erster Beethoven einverstanden. "Lasst uns
das Werk des unsterblichen Schiller singen!" - so wollte der Komponist
ursprünglich die Hymne vom Sänger einleiten lassen. Die Verwendung
des Gedichts in seiner neunten Sinfonie war Ausdruck seiner lebenslangen
Verehrung für den deutschen Dichter, der ihm von Jugend an Vorbild
gewesen war, dessen frühe Dramen er nahezu auswendig wusste, dessen
Sentenzen er in Freundschaftsbücher einschrieb.
Dem Lied "An
die Freude" hatte Beethoven 30 Jahre lang die Treue gehalten,
ehe er es dann sinfonisch auf den Sockel hob. Schon als 22-Jähriger
hatte er vorgehabt, das Gedicht als einfaches Lied mit Klavierbegleitung
zu vertonen. Diese Verse wurden für Beethoven so etwas wie der Begleittext
für sein ganzes Leben. Und es störte ihn auch nicht, dass Schillers
Strophen, als er sich endlich an die große Komposition machte, schon
hundertmal vertont und eigentlich zersungen waren. |
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1785
schreibt Friedrich Schiller seine Ode, 1824 wird die neunte Sinfonie Ludwig
van Beethovens in Wien uraufgeführt. Knapp vier Jahrzehnte
liegen zwischen beiden Daten, beiden Werken, beiden Utopien. Aber zwischen
dem Herbst 1785 und dem Frühjahr 1824 ereignen sich Epochenstürze
und Geschichtsbrüche, wie sie das Abendland nicht einmal während
des Dreißigjährigen Krieges "erlebt" hat. Europa wird vollständig
umgewälzt und dann halb wieder zurückgeworfen. Eine tausendjährige
Reichsidee löst sich auf. Eine große Revolution wird von den
Revolutionären ad absurdum geführt. Napoleon durchfurcht den
Kontinent fast 20 Jahre lang mit Kriegen.
Zwischen beiden Werken liegt,
mit Hegel zu sprechen, der brachiale Eingriff des Weltgeistes. Schiller
hat seine "Freude" (wie er sie gerne nennt) vier Jahre vor der französischen
Revolution gedichtet; die "Rettung von Tyrannenketten", die er darin beschwört,
sollte mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli
1789 eingeleitet und eingelöst werden; aber schon bald
war die "Gnade auf dem Hochgericht", die er sich auch wünschte, den
Handhabern der Guillotine unbekannt.
Und fünf Jahre vor
der Uraufführung der "Neunten" wurden die Karlsbader Beschlüsse
gefasst, die die europäischen Uhren wieder auf die vorrevolutionäre
Zeit zurückzudrehen versuchten. Es hatte den beängstigenden Anschein,
als sei alles beim Alten, beim Vorgestrigen geblieben; und vergeblich alles
Blutvergießen, jeglicher Elan und sämtliche Ideale von Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit.
Das Doppelwerk ist also
die Klammer um eine beispiellose Geschichtskatastrophe. Es hält, nicht
im Triumph, sondern mit dem Gestus des "Dennoch" fest, was aus den Trümmern
und Leichenbergen Europas damals noch an Hoffnung, Vernunft und Menschlichkeit
übrig geblieben ist. Schillers geselliger Gesang - denn die "Freude"
war mehr Trinklied als Hymne - erhält seine späte Resonanz im
resignierten Jubel eines desillusionierten Komponisten. Der Schlusschor
der "Neunten" umspannt eine Katastrophenerfahrung von apokalyptischen Aus-maßen.
Dass das Werk seit zwei Jahrhunderten Epoche gemacht hat, verdankt es nicht
zuletzt diesem historischen Horizont. Die "Freuden"-Hymne ist der Tribut
an die Leiden eines Zeitalters. Und alle Nachwelt erklärt sich aus
dieser Vorhölle.
Noch eine andere Dynamik
ist in dem Werk untergründig präsent; neben die historische Erfahrung
tritt die individuelle. Wir haben es mit einem seltsamen Überkreuz
der Lebensgeister zu tun, mit einer Schiller-Beethoven-Konstellation. Denn
in dieser Wortmusik treffen sich gleichgestimmte Schicksale: Zwei Genies,
beide ohne wirkliches Talent für Heiterkeit und Serenität, zwei
Leidgeprüfte und Schmerzerfahrene, singen sich Trost zu in einem Gemeinschaftswerk
über das, was ihnen beiden im Leben gefehlt hat: die Freude. So jubelnd,
so überwältigend, so weltbewegend konnte die Hymne nur als Negativ-Ausdruck
gelingen.
Schiller schreibt sein Gedicht
nach drei Jahren einer unsteten, stets gefährdeten Existenz, die von
Krankheiten, Geldsorgen, den Nachstellungen seines württembergischen
Herzogs überschattet war; er schreibt es, nachdem er in Leipzig und
Dresden einen enthusiastischen Freundeskreis gefunden hat und endlich einmal
sorgenfrei leben kann: Der Rausch eines befreiten Menschen ist darin, der
Überschwang dessen, der die ganze Welt umarmen möchte; und wir
hören das Echo eines ekstatischen Vormittags in einem sächsischen
Weinberghäuschen, als der Dichter sämtliche Gläser, nachdem
sie geleert waren, zum Fenster hinaus auf die Straße geschmettert
hatte.
Beethoven reißt sich
mit diesen Versen aus seiner immer gewaltiger werdenden Misanthropie. Die
Freude war schon verzweifeltes Stichwort im Heiligenstädter Testament
gewesen. Sie diente als Hoffnungsvokabel im Brief an die "Unsterbliche
Geliebte", und sie wird nun für den alten, tauben, grantigen Komponisten
zur Beschwörungsformel und Rettungschiffre gegen die eigene Weltfremdheit.
Wenigstens in der Musik sollen noch alle Menschen Brüder werden, soll
der Götterfunken Freude noch aufblitzen. Und er soll so einfach wie
ein Volkslied auf die Erde geholt werden. Alle sollen in den Jubel einstimmen
können, in den Menschheitsgesang.
Abenteuerlich wie die Entstehungsgeschichte
ist auch das Schicksal der Sinfonie: Wie nach den ersten Aufführungen
der letzte Satz, wegen der Besetzungsschwierigkeiten, beinah preisgegeben
wurde, wie in England die Sinfonie an ihrer Länge zu scheitern drohte,
wie sich in New York die erste Aufführung gegen eine nebenan begangene
Siegesfeier (mit eigener Hymne) behaupten musste.
Aber auch das gehörte
zur Story des Nachruhms: Richard Wagners Versuch, bei seiner berühmten
Dresdner Aufführung 1846 den Namen Schillers zu verdrängen und
Goethe ins Spiel zu bringen, oder die Vormärzlegende, Schiller habe
ursprünglich nicht die "Freude", sondern die "Freiheit" angedichtet
- worauf sich dann 150 Jahre später Leonard Bernstein bei seinen beiden
Berliner Aufführungen nach dem Mauerfall bezog. Nicht zu vergessen:
die erste "proletarische Neunte" im März 1905, vor Berliner Arbeitern
im Saalbau Friedrichshain. |
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Früh
schon tauchte die Idee auf, aus dem hochkomplizierten, für die Zeitgenossen
verstörenden Werk einen populären Extrakt zu gewinnen, aus der
groß angelegten Sinfonie eine Hymne herauszuheben, die dann nicht
mehr dem Konzertleben vorbehalten sein sollte, sondern allgemein singbar
und spielbar. Ein englischer Kritiker regte schon 1837 in einer Rezension
an, aus dem Schlusschor "die große Freimaurer-Hymne
Europas" zu machen. Und er hatte dabei auch
schon manchen Bombast unserer Tage vor Augen und im Ohr: "getragen von
tausend Stimmen, unterstützt von einem fünfhunderköpfigen
Orchester."
Das
ist sensationell: bereits damals wittert einer nicht nur die außerordentliche
musikalische Zukunft des Werks, sondern seine ideologische Dynamik, die
philosophische Hymnen-Tauglichkeit für unsere Alte Welt. Dass noch
die Freimaurer
Pate standen, macht den Vorschlag nicht suspekt: von Freimaurerliedern
hatte sich Schiller inspirieren lassen, so wie sein Gedicht seinerseits
wiederum in die Freimaurer-Bewegung
hineinwirkte.
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Es
ist dann ein beinah satirisches Szenario, mit dem knapp 150 Jahre die Europa-Hymne
beschlossen wird. Nicht eine Akademie, nicht ein Kulturkongress, nicht
ein Beethoven-Colloquium gibt den Anstoß zu dieser gebrauchsfertigen
Kurzfassung, sondern der "Ausschuss für Raumordnung und Gemeindefragen
des Europarats"; am 9. Juli 1971 verabschiedet er den "Rapport
sur un hymne européen", in dem es heißt: "Es erscheint
angemessen, ein Musikwerk zu wählen, das charakteristisch für
den Genius Europas ist und dessen Verwendung bei europäischen Veranstaltungen
bereits ansatzweise eine Tradition bildet."
Der Text fällt bei
dem von Herbert von Karajan instrumentierten Arrangement weg, - mit einer
Begründung, die eigentlich der ganzen Unternehmung Europa-Hymne etwas
Fragwürdiges verleiht: Die Ausschussmitglieder haben immerhin bemerkt,
dass "hier kein spezifisch europäisches, sondern ein eher universelles
Bekenntnis vorliegt". Knapper könnte man Schillers Text nicht resümieren.
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"Song
of Joy"
Wie der Zeitgeist so spielt:
Fast zur selben Zeit wie die Europa-Hymne entsteht der "Song of Joy" von
Waldo de los Rios, ein populärer Schlager, der immerhin noch im Titel
eine Hommage an Schiller enthält. Allen diesen Ausschlachtungen und
Kleinspielungen zum Trotz steht das Werk noch immer in alter Widerständigkeit
da. Und so hätten wir denn Anlass, mit der "Neunten" eine geradezu
planetarische Feier zu begehen, ein kosmisches Fest der Freude? Nichts
wäre anmaßender. In dem historischen Moment, da, mit der Globalisierung
alle Menschen Brüder sein könnten, zeigt sich, dass wir es nur
als Kain und Abel sind. Wo wir Freude erwarten sollten, die sich um die
Erde jauchzt, erleben wir eine universelle Angst.
Das Gedicht, die Sinfonie,
sie waren noch nie so nahe am Ziel ihrer Wünsche, der Rausch von einst
noch nie so dicht an der Wirklichkeit, die Ekstase noch nie so verwechselbar
mit praktischer Menschenmöglichkeit - und bleibt nun doch wie ein
auskomponierter Traum übrig, der nicht von dieser Welt ist und sich
am besten fortstehlen müsste aus diesem Bund von Unfreiheit, Ungleichheit,
Unbrüderlichkeit.
Und dennoch, oder gerade
deswegen, scheint der Schluss erlaubt, dass das Werk in einer ganz neuen
Weise zu uns zu sprechen beginnt. Jetzt, da die "Welt" die Freudenbotschaft
immer öfter ad absurdum führt, klingt die Sinfonie, klingt Schillers
Ode uns um so dringender in den Ohren. Mit jeder
radikalen Aufführung der Neunten geschieht ein Stück Arbeit an
der Utopie der Menschengesellschaft.
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